
Mercy Hills, eine Kleinstadt in Montana, ist der normalste Ort, den man sich vorstellen kann. Sie wurde gegründet im Jahre 1896, in einem Tal zwischen drei dicht bewaldeten Hügeln, und nur wenige Minuten vom Fallmont River entfernt. Die Geschichte der Stadt ist, im Vergleich zur amerikanischen Geschichte, sehr unspektakulär; niemand hier kämpft, streitet oder fügt anderen Schaden zu, und bis auf den üblichen Kleinstadt-Tratsch gibt es nicht wirklich viel, was man über die Stadt sagen könnte. Alle hier leben ein rundum gutes Leben, das Wetter ist schön, die Obstbäume in den Hintergärten ertragreich, und alles ist friedlich. Für manch einen zu friedlich, vor allem die Jugend zieht es raus in die Großstadt, studieren, die Küste sehen, etwas anderes machen. Aber die meisten Leute, die nach Mercy Hills kommen, bleiben auch in Mercy Hills, denn eine ruhigere, malerischere Idylle kann man sich nicht vorstellen.
Mercy Hills ist es genau das, was man sich unter einer verschlafenen Kleinstadt im Norden der USA vorstellt. Hier gibt es alles was dazu gehört — inklusive der dunklen Geheimnisse. Denn obwohl alles normaler nicht erscheinen könnte, gehen hier einige Dinge vor, die alles andere als gewöhnlich sind.

Auf dem höchsten der Hügel, ein wenig abseits der Stadt, tauchte vor fünfundzwanzig Jahren plötzlich ein Gebäude aus dem Nichts auf, als wäre es über Nacht erbaut worden. Ein moderner, für die Zeit fast futuristischer Betonbau, von dem keiner der Bewohner der Stadt vor seiner Eröffnung gehört hatte, und von dem auch danach niemand wusste, was darin eigentlich vorging. Serenity Laboraties, Stätte äußerst geheimer wissenschaftlicher Staatsmissionen, zumindest ging das Gerücht in der Stadt um. Außer den teuren Autos, die jeden Morgen den Hügel hinauf- und abends wieder hinabfuhren, bekam man in Mercy Hills jedoch nichts von dem mit, was dort vorging. Fünf Jahre lang tüftelten und taten sie dort oben, was immer sie taten, und mit der Zeit gewöhnte man sich in der Stadt an das eigentümliche Gebäude mitten in der Landschaft. Wissenschaftler zogen mit ihren Familien permanent in die Stadt, und auch sie wurden aufgenommen. Bald war es schon fast vergessen, dass diese Umstellung einst sonderbar gewesen war, und das Mysterium der Serenity Laboratories ging in Gleichgültigkeit unter. Doch gerade, als niemand mehr einen Gedanken daran verschwendete, veränderte sich die Lage wieder.

Im Frühjahr 1975 ging, scheinbar komplett unabhängig vom den Geschehnissen im Labor, eine besonders hartnäckige Grippeepidemie um, die sich Wellenweise auf fast das gesamte Land ausbreitete. Nichts Ungewöhnliches für einen kühlen Frühling, jedenfalls nichts, worüber die Nachrichtensender in mehr als einem Satz berichten würden. Was jedoch niemand auch nur ahnen konnte war, dass es sich hierbei nicht um einen gewöhnlichen Grippevirus handelte. Bei vielen, deren Immunsystem ihn nicht schnell genug bekämpfen konnte, schaffte der Virus es, das Erbmaterial der Zellkerne zu manipulieren. Da kein direkter Schaden für die Betroffenen entstand, und die Symptome nicht von denen einer gewöhnlichen Grippe zu unterscheiden waren, wurde der Virus weder näher unter die Lupe genommen, noch irgendwas zu seiner Ausrottung beigetragen. Etwa fünf Jahre später starb er ganz von selbst aus, doch alle, die in der Zeit infiziert worden waren, würden ihr verändertes Erbmaterial nicht loswerden können. Dies würde erst klar werden, wenn diese ihre DNA weitergaben, und eine Reihe von äußerst ungewöhnlichen Kindern geboren wurde. Dass dieser Virus speziell von dem Labor in Montana designt worden war, konnte niemand wissen.

Etwa ein Jahr später begann Nordamerika, vermehrt Kinder mit seltsamen, noch nie zuvor gesehenen Syndromen zu gebären. Bald wurden bis zu zehn davon gezählt, Mutationen, die den Kindern Defizite bereiteten, die sich alle auf eine seltsam verquere Weise als Gaben entwickeln könnten. Zu dieser Zeit fand auch in Mercy Hills ein Umbau statt, und aus dem Serenity Laboratories wurde das Serenity Sanctuary, einem Ort, an dem diese Kinder Unterschlupf finden könnten, einem Internat, Heim, Klinikum, an dem alles perfekt auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten war. Ärzte in ganz Amerika, ratlos, was für Möglichkeiten es sonst gäbe, rieten Eltern, ihre Kinder dort hinzuschicken, da dort das leitende Wissenschaftlerteam in dem Feld dieser neuen Mutationen stationiert war, und den Kindern dort das beste Leben bereitet werden könnte. So begannen langsam, sich Patienten aus ganz USA und sogar Kanada im Sanctuary einzufinden, und bald füllten sich die Schlafräume, Lehrer und Betreuer wurden zur Erziehung der Kinder herangezogen, und die Wissenschaft hatte einen Ort, an dem an dem nächsten Schritt in die richtige Richtung gearbeitet wurde. Dass dieser Schritt die Züchtung einer neuen, genmanipulierten Rasse von Supermenschen war, ahnte keiner, denn wie auch? Keiner wusste von dem Virus, und die betroffenen Kinder waren bei weitem nicht perfekt. Eher bemitleidenswert, wirklich, da ihre Verfassung mit all ihren Besonderheiten sie doch zu einem Leben in Abgeschiedenheit zwang. Und wer würde denn nicht gerne normal sein?